Personentransport mit ElektroVan von Clever Shuttle (Bildquelle: Clever Shuttle / GHT Mobility GmbH)

Spätestens seit Beginn der Coronakrise haben weite Teile der Bevölkerung die immense Bedeutung der Logistik verstanden. Gerade auf der „letzten Meile“ hat sich in den vergangenen Jahren die Plattform-Ökonomie durchgesetzt. Firmen wie Amazon, Zalando, Lieferando und Uber stehen für neue eCommece Lieferkonzepte bzw. Fahrdienste. Für den Endkunden ein bequemer Service. Doch wie fair sind die Arbeitsbedingungen in diesem hart umkämpften Markt? Die Initiative Fairwork hat die großen Player in Deutschland wissenschaftlich untersuchen lassen. Wir sprachen mit der Studienleiterin Dr. Maren Borkert von der TU Berlin über die – teils überraschenden – Ergebnisse. Am besten hat Clever Shuttle abgeschnitten, auf dem letzten Platz landete Uber (Download der Studie hier). Das Interview führte Bruno Lukas vom Logistiker.blog

Leiterin der Fairwork-Studie: Dr. Maren Borkert von der Technischen Universität Berlin (Bildquelle: privat)

Logistiker.Blog: Frau Dr. Borkert, was war der Ausgangspunkt für Ihre wissenschaftliche Studie zu den sozialen Bedingungen der Plattform-Ökonomie?

Dr. Maren Borkert: Unser Lehrstuhl Entrepreneurship und Innovationsmanagement (EIM) befasst sich unter anderem mit dem Wandel der Wirtschaft und Arbeitswelt, speziell durch die Digitalisierung. In enger Zusammenarbeit mit der University of Oxford (GB) haben wir im Rahmen des Fairwork-Projektes Studien in Deutschland durchgeführt, die bereits in Südafrika und Indien erfolgreich liefen. Es zeigt sich weltweit, dass vor allem die Selbständigen in der Plattform-Ökonomie zum Teil keinen Zugang zu adäquatem Arbeitsschutz, Lohnfortzahlung bei Krankheit usw. haben – also zum Teil deutlich benachteiligt sind. Wir wollten untersuchen, wie die Bedingungen in Europa sind und in wieweit sie sich von anderen Märkten unterscheiden.

Welchen Ansatz verfolgen Sie mit der Fairwork-Studie?
Wir betreiben mit den Fairwork-Studien sogenannte Action Research. Das bedeutet, dass wir stichprobenartig einen Teil der betroffenen Plattformarbeitern interviewen und ihre Arbeitgeber noch vor Abschluss der Studie mit den Zwischenergebnissen konfrontieren. So haben die Unternehmen die Möglichkeit, zu reagieren und kritische Bedingungen zeitnah zu verbessern. Durch Information über Arbeitsbedingungen bekannter Anbieter wollen wir auch Endverbraucher für das Thema sensibilisieren. Denn Konsumenten haben mit ihrer Entscheidung für oder gegen einzelne Handelsplattformen den größten Hebel für Veränderungen in der Hand. Deshalb haben wir uns innerhalb Deutschlands auch für Berlin als Untersuchungsgebiet entschieden. Der Großteil der Hauptstädter ist digital-affin, und diese kritische Masse an Konsumenten kann durch Verhaltensänderungen eine Veränderungskultur schaffen.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Unternehmen vorgegangen und was fiel im Vergleich zu den Vorgänger-Studien auf?
Wir haben uns bewusst die bekannten „Big Player“ ausgesucht, um VerbraucherInnen zu sensibilisieren und internationale Vergleiche ziehen zu können, z.B. zu den Arbeitsbedingungen bei globalen Anbietern wie Uber. Wichtig war aber auch eine lokale Verankerung, deshalb haben wir z.B. den Berliner Fahrdienst CleverShuttle untersucht. Es zeigt sich, dass regional verankerte Plattformen im Ranking besser abschneiden als „global Player“. Ihnen gelingt es oftmals leichter, Veränderungen zum Positiven unmittelbar umzusetzen. Allgemein fällt auf, dass gesetzliche Regelungen – wie etwa Arbeitsschutzgesetze – in Deutschland insgesamt umfassender sind als an den untersuchten Standorten in Südafrika oder in Übersee. Deshalb suchen viele Plattformen Wege, diese zu umgehen, insbesondere über Sub-Contracting unter Ausnutzung der EU-Freizügigkeit – Stichwort Werkverträge. Die grundsätzliche Frage ist, inwieweit Transparenz über Arbeitsbedingungen herrscht, sprich: Kennt der Arbeitnehmer seine Rechte überhaupt und kann er sie einfordern? Wir haben die Beschäftigungsverhältnisse anhand von fünf Kriterien untersucht: Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Verträge, Management-Prozesse und Mitbestimmung. Schwerpunkt waren haushaltsnahe Dienstleistungen, Lieferservice sowie Transport und Mobilität.

Wer schneidet gut ab, wer weniger gut? Wie lassen sich die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen?
Von den zehn untersuchten Online-Plattformen schnitt CleverShuttle am besten ab, Schlusslicht war Uber. Bekannte Lieferdienste wie Lieferando oder Amazon Flex belegten Plätze im Mittelfeld. Der Fahrdienst CleverShuttle bietet im Vergleich die fairsten Bedingungen (siehe auch Infobox „Best Practice-Beispiel CleverShuttle“). Zudem war das Management sehr zugänglich, kooperativ und bereit, Verbesserungsbedarf zeitnah umzusetzen. Die Untersuchung zeigte zudem, dass die Plattform-Ökonomie in Deutschland aufgrund ihrer niedrigen Zugangsbarrieren insbesondere für Migranten eine große Chance für den Einstieg in die Erwerbstätigkeit bietet. Auf der anderen Seite kennen viele Arbeitnehmer in der Plattform-Ökonomie ihre Rechte nicht genau, wodurch die Gefahr der Unter-Wertstellung besteht – sei es bei Bezahlung, Arbeitszeiten oder Mitbestimmung.

Was raten Sie Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Plattform-Ökonomie?
Arbeitnehmer sollten sich natürlich bestmöglich über ihre Rechte informieren, hier wollen wir auch mit unserer Studie für das Thema Arbeitsbedingungen sensibilisieren. Für Arbeitgeber besteht die Chance, sich durch zusätzliche Maßnahmen, z.B. Anti-Diskriminierungs-Richtlinien, positiv hervorzuheben. Nicht zuletzt haben wir alle als Verbraucher einen mächtigen Hebel in der Hand, fair arbeitende Unternehmen zu unterstützen.

Frau Dr. Borkert, Vielen Dank für das Gespräch!

Best Practice-Beispiel CleverShuttle (Quelle: Fairwork-Studie 2020, TU Berlin)
Alle CleverShuttle- Fahrer*innen sind fest angestellt und müssen über eine Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung (P-Schein) verfügen. Die Plattform zahlt ihren Mitarbeiter*innen ein monatliches Gehalt, und es existiert eine dokumentierte Richtlinie, die gewährleistet, dass die Fahrer*innen auch nach Abzug arbeitsbedingter Aufwendungen einen monatlichen Lohn erzielen, der höher liegt als der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland.
Die Plattform verfügt außerdem über eine dokumentierte Richtlinie, die gewährleistet, dass Fahrgäste sich verpflichten, die Sicherheit und Gesundheit der Fahrer*innen entsprechend der gesetzlichen Regelungen in Deutschland zu schützen. CleverShuttle ist überdies der einzige Anbieter in Deutschland, dem ein Punkt in Kategorie 2.2 verliehen wird, da es sich um die einzige Plattform handelt, die proaktive Maßnahmen zur Förderung der Sicherheit und Gesundheit der Arbeiter*innen umgesetzt hat.
Arbeiter*innen werden entweder in Teilzeit oder in Vollzeit angestellt, und der Arbeitsvertrag bildet die Beziehung zwischen Plattform und Fahrer*innen adäquat ab. Der Vertrag wird den Fahrer*innen in klarer und verständlicher Form zur Verfügung gestellt. Außerdem gibt es bei CleverShuttle ein klar definiertes Verfahren, über das Arbeiter*innen mit der Plattform kommunizieren und gegebenenfalls Probleme vorbringen können.
Im Unterschied zu den meisten anderen von Fairwork bewerteten Plattformen verfügt CleverShuttle über ein dokumentiertes Verfahren, über das sich die Arbeiter*innen kollektiv Gehör verschaffen können. In Berlin wurde die Gründung eines Betriebsrats vorbereitet, was die CleverShuttle-Fahrer*innen in der Stadt in die Lage versetzen sollte, ihr Recht auf betriebliche Mitbestimmung wahrzunehmen und Einfluss auf die Entscheidungen der Geschäftsführung zu nehmen.

Als Initiator des Logistikerblogs engagiert sich Bruno Lukas besonders im Thema nachhaltige City-Logistik. Für den gelernten Städteplaner mit einschlägiger Berufserfahrung in der Logistikbranche ist die Einführung umweltschonender Lieferketten ein Herzensanliegen. Er setzt sich für emissionsarme, leise Nutzfahrzeugtechnik ein. Aus seiner Sicht kann nachhaltige Logistik aber nur funktionieren, wenn „grüne“ Technik bezahlbar und in wirtschaftliche Prozesse mit fairen sozialen Standards eingebunden ist.